Persönliche Innovation – was steckt dahinter?

Der Ruf nach einer neuen Perspektive auf das Thema Innovation – der persönlichen Innovation – wird laut. Denn Innovationen sollten von Menschen für Menschen gemacht und untrennbar mit einem Mehrwert verbunden sein. Dieser dem Innovationsverständnis zu Grunde liegende Gedanke, findet bei näherer Betrachtung leider nur selten seine Umsetzung.

Utopische Wachstumsvorstellungen, Wettbewerbsdenken und andere vermeintliche Erfolgslogiken der Vergangenheit haben viele Menschen an die Grenze der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit getrieben. Im Arbeitsumfeld belasten vor allem Überforderung, mitunter aber auch Unterforderung, mangelnde Anerkennung und das Gefühl, sein Potential nicht entfalten zu können. Die Folgen sind bekannt: Kontroll- und Einflussmöglichkeit scheinen verloren zu gehen und Gefühle wie Machtlosigkeit oder das völlige Ausgeliefertsein sind gewaltige Belastungen. Dazu kommt, dass das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sinkt und der Sinn verloren geht. Es ist keine Zeit mehr für einen wertschätzenden Austausch und echtes Feedback und zurück bleibt der Mensch – ausgelaugt und orientierungslos. Dabei verspricht Innovation doch einen Mehrwert für uns und andere….

Wenn uns nun das Streben nach Innovation in diese missliche Lage gebracht hat, kann dann Innovation gleichzeitig die Lösung sein?

Den Blickwinkel ändern

Bisher wurde der Begriff der Innovation meist aus einer betriebswirtschaftlichen bzw. einer natur- und ingenieurwissenschaftlichen Perspektive betrachtet. Deshalb wird mit dem Begriff der Innovation weitestgehend die Entwicklung von neuen Technologien, Prozessen oder Geschäftsmodellen verstanden. Dabei ist es der Mensch, der es als kleinster gemeinsamer Nenner im Innovationsgeschehen möglich macht, die Welt zu verändern.

Wenn von Innovation die Rede ist, fallen häufig auch sehr abstrakte Begriffe wie Strategie, Kultur, Organisation oder Prozess und deren Management. Aber auch hier sind es Menschen die querdenken und nicht Organisationen, Strukturen und Prozesse. Erst wenn der eigentlichen Innovationsquelle – dem Individuum – die entsprechende Bedeutung zukommt und dieses sich auf innovative Art und Weise entfalten kann, werden letztendlich auch Unternehmen, Organisationen und ganze Länder davon profitieren.

Dem Menschen wurde in der Vergangenheit zu wenig Bedeutung im Hinblick auf Innovation beigemessen, soviel steht fest. Wie verhält es sich nun aber mit der Bedeutung des Individuums in der Zukunft?

Die zukünftige Rolle des Menschen im Innovationsgeschehen

Vor ca. 15 Jahren veröffentlichte ein russischer Wissenschaftler ein Buch, das weltweit Fachkreise aufrüttelte, sonst aber weitgehend unbeachtet blieb. Es handelte vom nächsten wirtschaftlichen Megatrend, der auf die Informationstechnologie folgen würde. Der Wissenschaftler heißt Leo Nefiodow. Er steht in der Tradition seines Landsmannes Kondratieff (1892-1938), nach dem die “Theorie der langen Wellen” benannt ist (Kondratieff-Zyklen). Sie ist ein empirischer Ansatz zur Erklärung der Wechselwirkungen zwischen der technologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung über die Zeit. Nefiodows These war so einfach wie revolutionär: der neue wirtschaftliche Megatrend basiert auf psychosozialer Gesundheit bzw. psychosozialer Kompetenz. Sie wird Träger langfristigen und weltweiten wirtschaftlichen Wachstums. Die von Leo Nefiodow dargestellten Ausprägungen für den sechsten Kondratieff-Zyklus (zentrale Rolle der psychosozialen Kompetenz, Organisation der zwischenmenschlichen Beziehungen, Optimierung von Informationsflüssen im und zwischen Menschen, etc.) geben Aufschluss darüber, dass die Menschen und ihre Beziehungsebenen in den Mittelpunkt des Innovationsgeschehens rücken und auch Treiber des neuen Zyklus werden.

Neben Nefiodow gibt es viele weitere Vertreter ähnlicher Sichtweisen zur Entwicklung des sechsten Kondratieffs, dessen Beginn wir gerade erleben. Immer häufiger wird erkannt, dass nicht mehr nur marktstrategische und auf den technologischen Bereich bezogene Fähigkeiten, sondern Fähigkeiten wie Intuition und Kreativität – weil auf das Individuum bezogen – wichtiger werden.

Der neue prognostizierte Zyklus offenbart, dass das Individuum mehr denn je nach seinem Identitätskern sucht und die eigenen Talente und Fähigkeiten bewusst umsetzen möchte. Der bevorstehende Wandel schafft deshalb tiefgreifende Einschnitte in das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen. Nimmt der Einzelne diese Herausforderung an, kann er authentisch und selbstbewusst agieren und schöpft Kraft und Sinn in seinem Tun. Das macht nicht nur den Einzelnen, sondern auch Organisationen bzw. Unternehmen zukunftsfähiger. Der Mensch muss im Zentrum der Betrachtung stehen und sollte schließlich von Innovation profitieren: Der Mensch als Konsument, der Mensch als Mitarbeiter in Unternehmen und Organisationen und – was bis heute sehr oft vernachlässigt wird – der Mensch als Mensch.

Persönliche Innovation – das fehlende Glied?

Werden die derzeitige Präferenz zur technischen Lösung (natur- und ingenieurwissenschaftliche Perspektive) sowie die steigende Relevanz des Individuums für unsere gemeinsame Zukunft als zentrale Ausgangsthesen herangezogen, ist der Ruf nach einer neuen Perspektive auf das Thema Innovation der logische nächste Schritt. Diese neue Perspektive spricht der Innovation einen sehr persönlichen Charakter zu und der Mensch selbst wird zum Objekt der Innovationsaktivität.

Meiner Auffassung nach muss neben den zahlreichen bestehenden Innovationsarten auch eine neue zulässig sein – die der persönlichen Innovation.

kleiner Junge als Astronaut als Metapher für persönliche Innovation

Innovation ist in diesem Sinne als Veränderungsprozess beim Menschen selbst zu verstehen, sofern diese, die bereits 1912 von Schumpeter beschriebenen Aspekte der neuen Idee, deren erfolgreichen Umsetzung sowie der Generierung eines besonderen Wertes erfüllt. Die neue Idee ist im Fall der persönlichen Innovation ein Wunsch oder eine konkrete Vorstellung über die neue bzw. veränderte Identität (hier steht im Vordergrund, welche Merkmale oder Eigenschaften im Selbstverständnis des Individuums erachtet werden). Kann diese Idee der Transformation (Entwicklung, Wandel, Veränderung, etc.) erfolgreich umgesetzt werden, entsteht automatisch ein Mehrwert, welcher sich in einer Erweiterung des Bewusstseins (Veränderung der eigenen Wahrnehmung, Standpunkte und Einschätzungen durch Lernprozesse und Selbstreflexion) ausdrückt.

Innovationsaktivitäten beziehen sich bei persönlicher Innovation nicht, wie bei allen anderen Innovationsarten auf das „Außen“, sondern haben primär eine nach innen gerichtete Perspektive. Sinn und Bedeutung des eigenen Denkens, Fühlen und Handeln treten so in den Vordergrund. Speziell in Zeiten, in denen wir mit großen Unsicherheiten, steigender Komplexität und auch Widersprüchen zu tun haben, ist es wichtig den Blick nach innen zu richten und achtsam auf die eigenen Talente und Fähigkeiten, Werte und Ziele zu richten.

Bei der erfolgreichen Umsetzung der Persönlichen Innovation gilt es aber nicht nur eigene Interessen, sondern auch die gesellschaftlichen bzw. organisatorischen Zusammenhänge zu beachten und zu respektieren. In der Folge wird dieser Mehrwert auch für Unternehmen und Organisationen spürbar werden, sofern diese die persönliche Entwicklung ihrer Mitarbeiter fördern und sowohl als Mittel zur persönlichen Freiheit, als auch als entscheidenden Wettbewerbsfaktor in einer globalisierten Welt verstehen. Außerdem sollte die Persönliche Innovation mehr als Schöpfung einer neuen Existenz verstanden werden und nicht bloß als eine einzelne, isolierte Handlung. Sie ist eine Art Kreislauf bei der jede einzelne Veränderung das persönliche Innovationssystem stärkt. Die Fähigkeiten und Potenziale werden so eingesetzt, dass sie die persönliche Innovationsleistung sowie Veränderungsbereitschaft fördern und sich so ein Mehrwert gegenüber der früheren Lebenssituation darstellt.

Was wir tun können

Ziel sollte es sein, Bewusstsein für eine Innovation von nicht-ökonomischer Art zu schaffen, welche jedoch bei genauerem Hinschauen großes Potenzial für folgenreiche Veränderung in Richtung zukunftsfähige Organisationen und Gesellschaft aufweist. Diese Persönliche Innovation und somit die Entfaltung der individuellen Möglichkeiten und Potenziale sollte deshalb als Voraussetzung für Innovation im allgemeinen Sinn verstanden und generell stärker zum Gegenstand von Entwicklungsprogrammen gemacht werden. Am besten wir fangen damit in der Schule an, denn gerade Kinder und Jugendliche brauchen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Stärken und den Glauben daran, dass sie etwas beitragen können für eine lebenswerte Welt.

Aber auch für Menschen im Arbeitsleben ist es nie zu spät sich auf die eigenen Potenziale zu besinnen. Dann ist es auch einfacher selbst die Verantwortung zu übernehmen und Probleme anzupacken, anstatt ihnen auszuweichen. Es wird gelingen aus Erfahrungen zu lernen, um zu wachsen und es entsteht Sinn in der Arbeit und echte soziale Beziehungen können entstehen.
Gelingt es den Blickwinkel zu verändern und den Menschen ins Zentrum der Innovation zu stellen, steht der Entwicklung vom Individuum zum „Innoviduum“ nichts mehr im Wege.

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Über den Autor

Innovation fasziniert mich und löst Begeisterung in mir aus. Und das schon mehr als 15 Jahre. Dabei spielt es keine Rolle ob im privaten oder beruflichen Kontext, noch ob ich Initiator, Unterstützer oder Begleiter von Innovationen bin. Der Mehrwert für Mensch und Gesellschaft muss für mich dabei aber immer erkennbar sein.

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